Die Situation annehmen heißt nicht aufgeben

Was für ein Streittyp bist du?
Mai 5, 2016
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Die Situation annehmen heißt nicht aufgeben

Ich bin gerade dabei, das Haus meiner Mutter aufzulösen. 65 Jahre hat sie dort gewohnt, bis zu ihrem 94. Lebensjahr. Eine lange Zeit.

Ausgerutscht auf der Treppe, Operation, nicht mehr mobil – plötzlich hat sich die Situation geändert und sie kann nicht mehr alleine leben in dem mit Schwellen und Treppen durchzogenem Haus. Neue Möglichkeiten müssen nach Krankenhaus und Reha ins Auge gefasst werden : letzte Option, ein Heim.

Ich hatte das Schlimmste befürchtet
Sie wohnt dort vorübergehend Probe in einer Kurzzeitpflege. Und hier beoachte ich Erstaunliches. Sie, die an ihrem Haus und ihrer Selbständigkeit so gehangen hatte, hat losgelassen. Kein Aufbäumen, kein Organisieren (wie sie es bis vor kurzem noch getan hatte). Akzeptanz der Situation wie sie jetzt ist. Ich kann es selber kaum fassen. Ich hatte das Schlimmste befürchtet. Hatte mit starken Protesten gerechnet, mit Depressionen, Traurigkeit, mit Kampf.

Kampf bedeutet Leid
Als ich sie im Pflegeheim besuche, sitzt sie entspannt auf dem Stuhl und liest die Zeitung. „Ich komme mir hier vor wie im Hotel und brauch mich um nichts zu kümmern“ meinte sie . „Schau mal dieser wunderbaren Blick in die weite Landschaft. “

Mein Mutter demonstriert mir, was ich meinen Klienten in schwierigen Situationen versuche nahezubringen: Erstmal anerkennen und akzeptieren was IST (was nicht heißt, dass es gutgeheißen werden muss). Dann können sich neue Perspektiven auftun. Manchmal ist es nur eine andere Einstellung zu der Situation – wie eben in diesem Fall bei meiner Mutter. Solange wir gegen etwas kämpfen, kostet es Leid und Kraft und wir können nicht erkennen, was für Chancen uns diese neue Situation bringt. Dann sind wir nämlich darauf fokussiert, was wir nicht haben, was nicht geht und auf was wir verzichten. Dann tauchen Fragen auf: warum musste mir das passieren? Warum ist das Schicksal so ungerecht?

Kinder sind im Hier und Jetzt
Ich erinnere mich noch an die Situation als mein kleiner Sohn, noch nicht mal 1 Jahr alt, mit einer Verbrennung ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Dort wurde die offene Wundbehandlung praktiziert: in einem überheizten Raum lag er nackt an Armen und Beinen am Bett festgeschnallt, damit er seine Wunden nicht berühren konnte. Ein entsetzlicher Anblick für eine Mutter. Und auch hier wurde ich positiv überrascht. Mit den kleinen Bewegungsmöglichkeiten der Arme spielte mein Söhnchen innbrünstig mit seinem Auto und machte einen zufriedenen Eindruck. Er hatte sich in die Situation gefügt und das Beste daraus gemacht. Er ließ seinen Charme spielen und bezirzte eine Krankenschwester die sich fortan liebevoll um ihn kümmerte und alles für ihn tat.

Was also können wir in einer Situation tun die uns herausfordert?

Erstmals anerkennen was ist. Frieden schließen. Wir können eine Situation nur verändern, wenn wir sie akzeptieren wie sie nun mal im Moment ist. Machen wir uns klar, dass wir wie wir eine Situation bewerten, immer ein Kopfkino ist – und dies auch geändert werden kann.
Bestandsaufnahme. Was für Vorteile bietet mir die neue Situation? Was für anderen Problemen gehe ich damit aus dem Weg? Was könnte ich aus der Situation lernen? Was für Chancen bietet diese Situation?
Will ich die Situation ändern? Was müsste anderes werden?
Was genau will ich verändern? Was für Möglichkeiten habe ich diese zu verändern?
Welchen Preis müsste ich dafür bezahlen?
Was für Schritte sind notwendig die Situation zu verändern? Bis wann will ich das tun?